Am 29. April 2020 ist der internationale Tag gegen Lärm. An diesem Tag finden, normalerweise, jedes Jahr weltweit Veranstaltungen statt, die der Öffentlichkeit das gesellschaftlich äußerst relevante Thema Lärm näherbringen. Auch am ÖAW-Institut für Schallforschung (ISF) würden, normalerweise, die Türen auf drei Stöcken geöffnet werden, um Interessierten Wissenswertes über Lärm und Akustik sowie der Forschung daran in interaktiven Demo-Stationen zu erzählen. Für das heurige „internationale Jahr des Schalls“ (international year of sound) wurde diese Veranstaltung besonders ausführlich geplant. Doch dann kam Corona.

Dennoch will das ISF dieses Datum nicht verstreichen lassen, ohne auf die Problematik und Gefahren durch Lärm für unsere Gesellschaft aufmerksam zu machen. Wir machen dies im Bewusstsein, dass die derzeit unheilbare Krankheit COVID-19 derzeit ein sehr großes Gefahrenpotential in sich birgt und alle Anstrengungen sich derzeit dahin richten sollten, die momentane Krise zu bewältigen. Zuerst die gute Nachricht: Ähnlich wie bei anderen Umweltbelastungen geht auch der Lärm in der derzeitigen Ausnahmesituation zurück. Die Belastung durch akustische Emissionen wird uns jedoch noch Jahrzehnte beschäftigen, da deren Verminderung eines der derzeit unbewältigten Probleme darstellt. Unsere alltägliche akustische Umgebung wird auch nach Corona wieder stärker von Motoren und Antrieben, dem Rattern des Verkehrs, dem Sausen von Klimaanlagen und Wärmepumpen, dem Hämmern von Luftdruckgeräten und so vielem mehr geprägt sein.

Die Belästigung durch Lärm mit ihren oftmals auch gesundheitlichen Belastungen wird immer deutlicher als Problem moderner Gesellschaften wahrgenommen. Eine Studie der Europäischen Akustik-Gesellschaft (EAA) auf Basis der Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation WHO deutet auf europaweit jährlich 12.000 vorzeitige Todesfälle sowie 48.000 zusätzlichen Fällen von Herzerkrankungen aufgrund von Lärmeinwirkung. Insgesamt leben circa 100 Millionen Europäer in einem Umfeld mit gesundheitsschädlicher Lärmbelastung. Besonders belastet ist Österreich, wo 24,2 Prozent der Bevölkerung einer permanenten Geräuschkulisse von mindestens 55 Dezibel – dem WHO-Grenzwert für vorbeugenden Gesundheitsschutz – ausgesetzt sind. Zum Vergleich: in Deutschland sind es „lediglich“ 6,9 Prozent. Zu einem ähnlichen Schluss kommt die Europäische Umweltbehörde EEA, die für das Jahr 2017 für die Alpenrepublik 490 vorzeitige Todesfälle und einen Zuwachs von 1.128 Herzerkrankungen durch akustische Belastungen ermittelte. Das macht deutlich, wie wichtig Publikumsveranstaltungen für Sensibilisierung gegenüber Lärm sowie Grundlagenforschung an der Thematik Lärm sind.

Darum wird der Aktionstag des ISF nicht abgesagt, sondern in den Herbst verschoben. Die Pforten für die große Publikumsveranstaltung werden vom heurigen Tag gegen Lärm abgekoppelt geöffnet. Dadurch werden wir zusammen mit zahlreichen Partnern die Lärmforschung der Öffentlichkeit ans Herz legen sowie Stand und Vielfalt der Wissenschaft der Akustik präsentieren. Der genaue Termin kann noch nicht festgelegt werden, weil dessen Planung vom weiteren Verlauf der Pandemie abhängt. Dennoch wollen wir Sie jetzt schon herzlich zum Tag der offenen Tür im Herbst einladen. Näheres werden wir rechtzeitig auf unserer Homepage (https://www.kfs.oeaw.ac.at) verlautbaren – bleiben Sie dran, versuchen Sie trotz der widrigen Umstände die leiser gewordene Umgebung zu genießen, und vor allem: bleiben Sie gesund!