Anfang Mai startete ÖAW-Schallforscher Martin Lindenbeck sein Dissertationsprojekt „Towards Improving Selective Hearing in Cochlear-Implant Listeners“, für das er von der ÖAW mit einem DOC Stipendium bedacht wurde. Die ÖAW fördert mit diesem Stipendium hoch qualifizierte Dissertant/innen aus allen Gebieten der Forschung. In einem Peer-Review-Verfahren bewerten internationale Expert/innen in Gutachten die Projekte sowie die Qualifikation der Dissertant/innen. Die Vergabeentscheidung trifft ein Komitee bestehend aus in Österreich tätigen Wissenschaftler/innen.

Nun haben Lindenbeck und sein Betreuungsteam, das aus Bernhard Laback vom Institut für Schallforschung und Ulrich Ansorge von der Universität Wien besteht, zwei Jahre Zeit das Projekt erfolgreich abzuschließen. Lindenbeck widmet sich in seiner Arbeit dem selektiven Hören, und zwar bei Träger/innen von Cochleaimplantaten (CIs). CIs werden bei schweren Hörverlust bis hin zur Taubheit implantiert und stellen Teile des Gehörs wieder her. Selektives Hören ist die Fähigkeit des menschlichen Hörsystems, sich gezielt auf eine Quelle in einer Mischung mehrerer bzw. vieler Quellen zu fokussieren und dabei die anderen Quellen zu ignorieren. So konzentrieren sich beispielsweise Normalhörende im Restaurant scheinbar mühelos auf ihr Gegenüber, während sie die Unterhaltungen an den anderen Tischen überhören können. Leider ist diese Fähigkeit bei CI-Träger/innen stark reduziert. Das Defizit wird zum Teil darauf zurückgeführt, dass sowohl die Richtungs- als auch die Tonhöheninformation schlechter bereitgestellt und verarbeitet wird als beim natürlichen Gehör.

Nehmen wir ein Hörereignis in einem Raum war, berechnen wir unbewusst die Zeitdifferenz des Eintreffens des Schalls zwischen den beiden Ohren (die sogenannte interaurale Zeitdifferenz, ITD). Wenn beispielsweise eine Schallquelle am linken Ohr früher eintrifft, nehmen wir sie links von der Mitte wahr, erläutert Lindenbeck. Der junge Dissertant wird daher einen kürzlich entwickelten Stimulationsansatz weiterentwickeln, der bereits gezeigt hat, dass sich bei Stimulation mit nur einer CI-Elektrode die ITD- und Tonhöhenwahrnehmung verbessert. Da mit diesem Ansatz letztlich die Sprachverständlichkeit verbessert werden soll und da dafür alle verfügbaren Elektroden notwendig sind, wird der Ansatz auf alle Elektroden eines aktuellen CI-Systems erweitert und an allen Elektroden getestet. Darüber hinaus muss er dabei den Erhalt der guten Sprachwahrnehmung beachten, die sich bei Anwendung des Stimulationsansatzes eventuell verschlechtern kann. Die Untersuchungen werden direkt an und mit CI-Träger/innen in Hörversuchen durchgeführt. Dabei werden die herstellerabhängigen Prozessoren der Implantate jedoch umgangen und die Elektroden direkt vom Laborcomputer angesteuert. Dadurch kann Lindenbeck die Präzision der Versuche deutlich erhöhen und von der jeweiligen Prozessor-Technologie unabhängige Erkenntnisse gewinnen.

Lindenbeck will mit seinem Projekt grundlegend neues Wissen zum elektrischen Gehör (mit Cochleaimplantaten) und, indirekt, zum normalen Gehör generieren und zur Verfügung stellen. Er erhofft sich Erkenntnisse insbesondere zur Rolle sowie Wichtigkeit von ITD- und Tonhöheninformation bei selektivem Hören. Darüber hinaus sollen aus den Ergebnissen Vorschläge für die Verbesserung von derzeitigen CI-Systemen abgeleitet werden, die in Zukunft die Lebensqualität von CI-Träger/innen im Alltag steigern soll.